Der Islam, die Frau und ich

Lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

Ernst Jandl

Errare humanum est, sed in errare perseverare diabolicum.«

Irren ist menschlich, aber auf seinen Irrtümern zu bestehen ist teuflisch.

Meine erste Begegnung mit dem Islam verdanke ich Karl May. Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar veranlassten mich und meinen Freund Rudi während der Klassenausflüge die Blickrichtung gen Mekka im Auge zu behalten. Wenn es Zeit dafür war, warfen wir uns auf den Boden und spulten die passenden Suren des Korans herunter; sehr zum Gelächter unserer damaligen Lehrer.

Später wechselten wir auf die russische Seite unser Vorbild hieß jetzt Rodion Jakowlewitsch Malinowski, Verteidigungsminister der UdSSR. Auch bei strahlendem Sonnenschein stiefelten wir in grauen Regenmänteln (Malinowksi-Mantel) über die Reiss-Insel und durch die Rhein Auen um auszubaldowern, wo unsere Freunde von den russischen Landstreitkräften am besten anlegen könnten. Die Lehrer bogen sich erneut vor Lachen.

Mit dem Bau der ersten Moschee auf deutschem Boden wurde 1779 ganz hier in der Nähe im Schwetzinger Schlossgarten begonnen. Das Bauwerk sollte übrigens aufklärerischen Zwecken dienen und Toleranz gegenüber allen Religionen und Kulturen der Welt Ausdruck verleihen; der Islam die Weisheitslehren des Orients verkörpern.

Als islamisches Gotteshaus wurde es erst hundert Jahre später genutzt, als Kriegsgefangene aus dem Maghreb nach dem Deutsch-Französischen Krieg in der Nähe von Schwetzingen untergebracht waren. Den Innenraum nutzten die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg als Jazz- und Swing-Club.

In den frühen siebzigern, während meiner Ausbildung als Buchhändler, hatten wir Kontakt mit einer Familie, die vor dem Regime des Mohammad Reza Pahlavi aus dem Iran geflohen war. Die Mädchen saßen manchmal bei uns im Laden und warteten bis sie abgeholt wurden; sie durften damals nur in Begleitung eines männlichen Verwandten auf die Straße.

In den achtzigern hatten wir kurzzeitig ein türkisches Mädchen als Lehrling. Es war eigentlich eine junge Frau die gerade achtzehn Jahre alt geworden war. Mit siebzehn hatte sie mit Unterstützung einer Lehrerin einen Selbstmordversuch inszeniert, um in die stationäre Psychiatrie zu gelangen und ihrem Vater und ihren Brüdern zu entkommen. Sie wollten sie in die Türkei bringen, zwangsverheiraten oder töten. Die junge Frau war damals mit einem Palästinenser befreundet.

Im Sommer 2001 arbeitete ich in der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Völkerrecht in Heidelberg als eines Tages zwei Frauen im Tschador mit einem männlichen Begleiter auftauchten. Die Gruppe kam mehrere Tage hintereinander; dann nur die Frauen und irgendwann nur eine allein. Sie wollte von mir Literatur zur Weltbank; sie promovierte über die Rolle der Weltbank beim Sturz von Mohammad Mossadegh. Ich bot ihr an, sie ins Magazin an die entsprechende Stelle zu führen, damit sie den Bestand selbst überprüfen könne. Wir gingen zum Aufzug; sie wollte, dass entweder ich oder sie die Treppe benutzen. Nach kurzem Überlegen meinte sie entschlossen: »Ach, wir fahren doch zusammen. Aber sagen Sie niemanden, dass Sie alleine mit mir im Aufzug gefahren sind. Das könnte gefährlich werden, nicht nur für mich, sondern auch für Sie.«

2010 waren unsere Mädels im evangelischen Kindergarten. Es war keineswegs lustig zu beobachten, wie kleine türkische Machos ihren Beschützerinstinkt zur Schau stellten und auf der anderen Seite weiblichen Personen gegenüber ihre Verachtung zum Ausdruck brachten.

Vierzig Jahre Islam in Deutschland und die Rolle der Frau.


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